2009-09-29 07:38 von Anna Lefik
Der Handel mit Bio- bzw. FairTrade-Produkten boomt in der Lebensmittelindustrie schon seit längerem, denn das Umweltbewusstsein der Konsumenten und Unternehmen nimmt nicht nur stetig zu, sondern diese Produkte bringen den Unternehmen einen zusätzlichen Nutzen: Einerseits sind „Bio“ und „FairTrade“ ein zusätzlicher Kaufanreiz, da sie an das schlechte Gewissen des Konsumenten appellieren, andererseits ermöglichen sie im besten Fall ein „Greenwashing“ des Images. Wenn McDonalds mit Bauernhof-Idyllen und Bionade wirbt, dann steckt dahinter keine neuentdeckte Liebe zur Natur, sondern knallhartes Kalkül. Nun sind diese Bilderbuchszenarien für den kritisch denkenden Käufer leicht zu durchschauen, weniger leicht zu durchschauen sind dagegen die neuen Strategien der Bekleidungsindustrie.
2007 brachte C&A, eine Einzelhandelskette, die mit Begriffen wie Ökologie und Nachhaltigkeit bisher nicht in Verbindung gebracht wurde, eine erste Kollektion aus Biobaumwolle mit dem Label „Bio-Cotton“ auf den Markt – zum bekannt günstigen Preis. In der Pressemitteilung hieß es: „Dieses auf Langfristigkeit angelegte Engagement ist ein Beitrag von C&A für Umwelt und Mensch und damit Teil der langjährigen Aktivitäten unternehmerischer Verantwortung.“ So sei es das Ziel des Unternehmens den Anteil an Bio-Baumwoll-Bekleidung kontinuierlich zu steigern, denn C&A sei überzeugt „dass mit diesem Ansatz die Nachfrage nach Bio-Baumwolle steigen wird und damit mehr Bauern ermutigt werden, Bio-Baumwolle ohne Einsatz von Düngemitteln und Chemikalien anzubauen. Insbesondere kleinere Familienbetriebe werden von dieser Entwicklung profitieren. Jeder Kunde kann mit dem Kauf von Bio Baumwollprodukten zu dieser Entwicklung beitragen.“
Im selben Jahr bringt auch H&M seine erste 100%ige Biobaumwoll-Kollektion unter dem Label „Organic Cotton“ auf den Markt. Die Bekleidungskette kündigt an, im Jahr 2009 3000 Tonnen Biobaumwolle einzusetzen, was im Vergleich zum Jahr 2006, in dem 60 Tonne Biobaumwolle verarbeitet worden seien, eine deutliche Steigerung bedeuten würde. Ziel sei es weiterhin „die Menge in den nächsten fünf Jahren um mindestens 50 Prozent pro Jahr zu steigern.“ Denn H&M möchte ebenfalls „durch die Verwendung von mehr ökologischer Baumwolle (…) die Nachfrage erhöhen und mehr Baumwollproduzenten (dazu) motivieren, zu einer ökologischen Produktionsweise überzugehen.“ So bezieht sich der schwedische Konzern ebenfalls auf sein Verantwortungsbewusstsein gegenüber Mensch und Natur, wenn er betont: „Das Projekt verfolgt das Ziel, die negativen sozialen Auswirkungen und die Umweltauswirkungen des konventionellen Baumwollanbaus messbar zu verringern.“
Die Bio Baumwolle von H&M sei durch „Control Union“ zertifiziert und beide Unternehmen geben darüber hinaus an mit „Organic Exchange“ zusammenzuarbeiten.
Eigentlich könnte man von einer positiven Entwicklung sprechen, wenn die großen Einzelhandelsketten ihre soziale und ökologische Verantwortung entdecken und besonderes Engagement zeigen. Mit Sicherheit haben diese Meldungen zu positiver Resonanz sowohl bei den Medien als auch bei den Endverbrauchern gefühlt. Endlich kann man sich ein gutes Gewissen zu einem günstigen Preis erkaufen!
Und der internationale Trend scheint der Entwicklung recht zu geben. So stellt der Organic Cotton Market Report 2007/2008 die zehn größten Abnehmer von Biobaumwolle vor und präsentiert damit ein überraschendes Ranking. Denn dort finden sich auf den ersten fünf Plätzen Walmart, C&A, Nike, H&M sowie Zara – also die bekannten Global Player im Bekleidungssektor. Ist die Welt nun tatsächlich eine bessere geworden? Und wieso schaffen es diese Unternehmen Bekleidung aus Biobaumwolle so günstig anzubieten?
Biobaumwolle bedeutet, dass die Baumwolle kontrolliert biologisch angebaut wurde, aber damit ein Kleidungsstück entsteht, muss der Rohstoff entsprechend verarbeitet werden. Und da liegt auch der Unterschied zu den teureren Produkten, die von Fair Handels Organisationen vertrieben werden. Denn vom eigentlichen Verarbeitungsprozess ist bei diesen Unternehmen nicht die Rede. Dieser kann durchaus den konventionellen Weg gehen, und damit werden beispielsweise der Einsatz von Chemie oder Kinderarbeit nicht ausgeschlossen. Schließlich machen die Produktionskosten in der verarbeitenden Industrie einen wesentlichen Anteil an den Gesamtkosten aus. Der erhöhte Rohstoffpreis macht sich dagegen wenig bemerkbar.
Es gibt keine gesicherten Daten wie viele und welche Substanzen in der Textilindustrie eingesetzt werden. Der Textilhilfmittel-Katalog aus dem Jahr 2000 nennt 7300 Zubereitungen, die auf 600 Wirkstoffen beruhen. Die 1500 Farbstoffe, die sich derzeit auf dem Markt befinden sollen, sind da noch nicht mitgerechnet. Davon spielen 800 bis 900 Farben eine bedeutsame Rolle für die Textilindustrie. Selbst die deutschen Behörden verfügen nur über Daten „in äußerst begrenztem Umfang“, was den Rezepturen sowie deren quantitativen Einsatz anbetrifft. Denn diese werden von den Herstellern geheim gehalten. So kommt der Einsatz von potentiell gefährlichen Substanzen nur mit Hilfe von Tests von Umweltbehörden oder von Stiftung Warentest sowie Ökotest ans Licht. So musste H&M bereits Kinderjacken aus dem Verkehr ziehen, in denen eine Substanz gefunden wurde, die das hormonelle Gleichgewicht des Körpers ins Wanken bringen kann.
In der Pressemitteilung von C&A heißt es „Bio Cotton von C&A wird damit zu demselben attraktiven Preis angeboten, wie das bereits bestehende Produktangebot. Es ist eine bewusste Entscheidung seitens C&A, die höheren Rohstoffpreise von Biobaumwolle nicht an den Kunden weiterzugeben.“ Für die tausenden ArbeiterInnen in der verarbeitenden Industrie bedeutet das aber weiterhin Arbeitsbedingungen unter menschenunwürdigen, gesundheitsschädlichen Umständen am Rande oder sogar unterhalb des Existenzminimums.
Sieht so das neue Verantwortungsbewusstsein der Bekleidungsindustrie aus? Erst wenn ein Kleidungsstück sauber und sozialverträglich in allen Produktionsschritten hergestellt wurde, ist es wirklich „clean“. Aber woher kann man wissen, wie ein Kleidungsstück produziert wurde? Gewissheit können Siegel geben, allerdings haben Textilverbände und Textilhersteller sowie Nichtregierungsorganisationen eine wahre Flut von Siegeln ins Leben gerufen, bei denen selbst der kritische Verbraucher kaum den Überblick behalten kann, bzw. kaum in der Lage ist, diese zu beurteilen.
Wirklich vielversprechend ist das GOTS-Siegel (Global Organic Textile Standard), das vom Internationalen Verband der Naturtextilwirtschaft (IVN) und drei anderen internationalen Organisationen entwickelt wurde, und damit weltweite Gültigkeit hat. Es ist das bisher umfassendste Siegel, da es erstmals sowohl ökologische als auch soziale Standards vereint. Es umfasst den gesamten Herstellungsprozess eines Kleidungsstücks bis zu den Farben, die verwendet werden dürfen. Allerdings gehen die Sozialstandards einigen Kritikern nicht weit genug, darunter auch den Anhängern des Siegels der Fair Wear Foundation (FWF), welche von der Kampagne für Saubere Kleidung Unterstützung erhält und zu den strengsten Sozialsiegeln auf dem Markt gehört.
Ein großes Problem ist, dass alle Siegel-Organisationen mehr oder weniger ihr eigenes Süppchen kochen, wobei doch die in einem Siegel gebündelten Kräfte nicht nur mehr Handlungskompetenz bedeuten würden sonder auch eine bessere Markttransparenz. Beispielsweise gewährt der weit verbreitete Öko-Tex-Standard 100 lediglich ein gewisses Schadstoffmaximum. Dagegen werden weder ökologische noch soziale Standards gewährleistet.
Dass die Welt der Einzelhandelsketten keine wirklich bessere geworden ist, zeigen beispielweise die häufigen Proteste und Ausschreitungen in Bangladesh. Erst im Juni gingen 50.000 ArbeiterInnen der Textilindustrie in Dhaka auf die Straße, um auf ihre prekäre Situation aufmerksam zu machen. Dabei ging eine Fabrik, in der für H&M produziert wird in Flammen auf und zwei Arbeiter wurden von der Polizei erschossen. Solche Unruhen sind ein wenig beachteter Umstand hierzulande.
H&M hatte letztes Jahr nur zwei zertifizierte Kleidungsstücke im Sortiment; sonst wurde ein selbst-gestaltetes Logo für die hauseigene „Biobaumwoll-Kollektion“ genutzt. C&A nutzt ebenfalls in erster Linie ein eigenes Logo, dass Umweltverträglichkeit suggerieren soll. Was den Anteil der Biobaumwolle an der gesamten Baumwollproduktion weltweit anbetrifft, schwanken die Angaben zwischen 0,1% und 0,2%. So einfach ist es mit dem „Greenwashing“ dann wohl doch nicht.