Grün ist die Hoffnung

2012-01-19 09:43 von Werner Koch

Grün ist die Hoffnung

Silke Bücker im Gespräch mit Magdalena Schaffrin, Organisatorin der Berliner Messen Green Showroom im Hotel Adlon und der Ethical Fashion Show im E-Werk, über Status Quo, Chancen und Perspektiven einer Zukunft der Mode unter grünen Vorzeichen.

 

Frau Schaffrin, wie kamen Sie auf die Idee, ergänzend zum Green Showroom nun außerdem die Ethical Fashion Show in Berlin zu organisieren?

Die Ethical Fashion Show gibt es ja schon seit einigen Jahren in Paris, sie wurde 2010 von der Messe Frankfurt übernommen, ebenso wie der Green Showroom in 2011. Die beiden Veranstaltungen ergänzen sich insofern perfekt, als dass der Green Showroom hochwertig und design-orientiert aufgestellt ist, wohingegen wir nun mit der Ethical Fashion Show Berlin das Casual-, Sports- & Streetwear-Segment abbilden, uns also wesentlich breiter und durchaus auch kommerzieller aufstellen.

 

Wird das Konzept inhaltlich mit dem in Paris vergleichbar sein?

Nicht unbedingt. In Paris ist die Messe auf den französischen Markt ausgerichtet, da es in Frankreich viel mehr Labels gibt, die sehr feminin, dekorativ und detailverliebt ausgerichtet sind. Schwierig, diesen Stil genau zu beschreiben, dahinter steht vielmehr ein Gefühl. Deutsche Mode hingegen empfinde ich als wesentlich funktionaler, reduzierter und gradliniger, mit weniger bunten Farben oder Mustern. Insofern wird sich die konzeptionelle Ausrichtung für Berlin etwas anders gestalten – wesentlich casualiger & sportiver – um insbesondere dem hiesigen Handel eine Plattform zu bieten.

Mir fallen spontan nicht unbedingt viele ‚grüne’ Brands mit dieser Ausrichtung ein. Wie rekrutieren Sie die Marken?

Ich bin ja nun bereits seit einigen Jahren in der ‚grünen’ Modeszene aktiv – insofern sind mir auch weitestgehend unbekannte Labels geläufig, gleichzeitig begegnen mir immer wieder neue. Und natürlich bewerben sich auch mehr und mehr Marken bei uns, die gerne ausstellen möchten. Grüne Mode ist definitiv ein Bereich, der sehr stark wächst, das macht ihn ja auch so spannend.

 

Wie prüfen Sie eigentlich den ökologischen Standard der Marken, die zu Ihren Veranstaltungen zugelassen werden?

Zunächst einmal schicken wir ausführliche Fragebögen raus und bitten die Hersteller unter anderem, zu erklären, warum sie denken, dass sie grün sind. Wenn uns die Antworten nicht ausreichen, telefonieren wir mit den Initiatoren, haken genauer nach oder checken die Nummern von Öko-Zertifikaten gegen. Am einfachsten ist es natürlich, wenn höchst anerkannte Zertifizierungen wie GOTS vorliegen. Ansonsten kommt es hin und wieder auch zu Missverständnissen, beispielsweise insofern, dass sich Labels bewerben, die eine Kollektion aus Naturfasern kreieren, welche nicht ökologisch sind. Andererseits geht es nicht zwingend nur um einen Bio-Status, wir lassen auch Labels zu, die besondere soziale Standards erfüllen, mit Recycling-Materialien arbeiten oder eine Innovation in dem Bereich anbieten. In der Regel finden wir sehr schnell heraus, welche Brands unsere Kriterien erfüllen und welche nicht. Immerhin geht es ja auch um unseren guten Ruf, deshalb sollte es nach Möglichkeit nicht vorkommen, dass wir Aussteller zulassen, die unsere Voraussetzungen nicht erfüllen. Alle Kriterien sind auch auf unserer Webseite green-showroom.net noch mal im Detail erklärt.

 

Inwieweit werden Sie bei der Organisation der Messen dem grünen Standard gerecht – etwa hinsichtlich Stromgewinnung, Standbau oder Catering?

Wir versuchen natürlich auf allen Ebenen nachhaltig zu agieren, alerdings haben wir auf manche Voraussetzungen keinen Einfluss, wie z.B. auf den Stromanbieter im E-Werk oder Hotel Adlon, da es ja angemietete Räumlichkeiten sind. Natürlich achten wir beim Catering auf Bio-Qualität und beim Standbau darauf, reduziert und funktional zu bauen, um keine Rohstoffe zu verschwenden. Im Hotel Adlon integrieren wir die Messe ja in die bereits ausgestatteten Räumlichkeiten. Außerdem haben wir eine Kooperation mit der Deutschen Bahn, im Rahmen derer Zugfahrten aus ganz Deutschland zu unseren Veranstaltungen für 99 Euro angeboten werden. Und abgesehen von diesen Aspekten versuche ich die grüne Maxime auch privat zu erfüllen – so gut ich kann.

 

Wie ist denn Ihr persönlicher Background in puncto Green Fashion?

Ich bin ausgebildete Designerin und habe in Berlin Mode studiert, bevor ich mich mit meinem eigenen selbstbenannten Label selbstständig gemacht habe. Für mich war von Anfang an klar, dass ich eine grüne Kollektion machen möchte. Insbesondere vor dem Hintergrund, dass mich die Arbeitsbedingungen und der Einsatz von Chemikalien in der Mode immer schon entsetzt und abgeschreckt haben. Die Textilwirtschaft ist einfach eine der am stärksten umweltverschmutzenden und ausbeutenden Industrien – das wollte und will ich nicht unterstützen. Mein Ziel war es, eine tolle Kollektion auf Basis eines innovativen Konzepts zu kreieren. Dass diese unter grünen Voraussetzungen entsteht, war eine Selbstverständlichkeit für mich, die ich zunächst gar nicht in den Vordergrund zu stellen gedachte. Dann aber habe ich ziemlich schnell festgestellt, dass es gut ist und der Sache dient, darüber auch zu sprechen, insbesondere, um deutlich zu machen, dass Öko-Mode sich nicht auf Filztaschen mit aufgenähten Blüten beschränken muss, sondern dass sie eben auch cool und modisch sein kann. Man muss sich für Green Fashion entscheiden, das ist vor allem eine Frage der Einstellung und hat wenig mit dem Look der Kollektion zu tun.

 

Aber es gibt doch sicherlich Grenzen, im Hinblick auf die Wahl der Stoffe und Zutaten beispielsweise?

Hinsichtlich des Designs gibt es keine Unterschiede, bei der Wahl der Schnitte bin ich ja völlig frei. Natürlich sind aber bei den Materialien Grenzen gesetzt, weil nicht alle Stoffe unter ökologisch einwandfreien Standards hergestellt werden können. Andere Einschränkungen beziehen sich beispielsweise auf die Kalkulation, um das Endprodukt noch zu einem sinnvollen Preis anbieten zu können.

 

Gibt es Ihre Kollektion eigentlich noch?

Nein, damit habe ich inzwischen aufgehört, denn die Organisation zweier Veranstaltungen lässt keine Zeit mehr für eine eigene Kollektion. Die Messe bietet mir einen größeren Wirkungskreis, denn am Ende arbeiten wir auch am Image von grüner Mode.
Auslöser für die Gründungs des Green Showrooms war 2008 ein Gespräch mit meiner Geschäftspartnerin Jana Keller, die das Label Royal Blush betreibt, eine nachhaltig hergestellte Taschenkollektion. Wir haben unsere Messeerfahrungen ausgetauscht und dabei festgestellt, dass es die perfekte Veranstaltung für Marken wie unsere, die einen ökologischen Standard forcieren und trotzdem design-orientiert ausgerichtet sind, einfach nicht gibt. Sowohl bei herkömmlichen Events als auch bei den Öko-Messen fehlte das richtige Umfeld. Also haben wir uns nicht ganz uneigennützig entschlossen, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. So wurde der Green Showroom geboren, auf Basis der festen Überzeugung, dass es weitere Marken gibt und geben wird, die ein Interesse an solch einer Veranstaltung teilen. Und wir lagen richtig, der Zuspruch war von vorne herein ziemlich gut.
Mein Anspruch dabei ist, dass man den Kollektionen ihre ökologische Basis nicht ansieht, um entsprechende Rezipienten zu erreichen. Nachhaltigkeit ist selbstverständlich und die Basis der Kollektion, das Design steht aber immer im Vordergrund. Man verkauft keine Kollektion weil sie öko ist, man verkauft sie, weil sie den Menschen gefällt. (Zitat) Und natürlich weil die Qualität und das Preis-Leistungs-Verhältnis stimmen.

 

Apropos Preis: Man hört ja immer wieder, dass die Konsumenten nur sehr bedingt bereit sind, für grüne Mode mehr zu bezahlen. Wie sehen Sie das?

Das kommt darauf an: Im Luxus-Segment ist der Unterschied zu vergleichbaren Premium-Marken nur marginal. Denn exklusive Kollektionen haben vor allem aufgrund des Images und des Designs sowie der produzierten Stückzahlen ihren Preis.
Und Menschen, die Design kaufen, sind auch bereit, mehr Geld auszugeben, unanhängig davon, ob die Kollektion ökologisch ist oder nicht.
Im wesentlich breiteren Casual-Markt, sind die Preise grundsätzlich um einiges niedriger. Da schlägt sich ein Einkaufspreis von plus/minus einem Euro schon ziemlich deutlich auf den Verkaufspreis nieder. Hinzu kommt die Tatsache, dass gerade im Massensegment die Bedingungen zur Herstellung konventioneller Mode sehr viel schlechter sind. Ein sozialverträgliches Arbeitsumfeld zu schaffen oder zu suchen, ist in der Konsequenz dann mit einem entsprechenden finanziellen Mehraufwand verbunden.

 

Insofern ein Paradoxum, weil ja gerade die Leute, die günstig einkaufen wollen oder müssen, schon im kleinen Rahmen wesentlich preissensibler sind.

Ich denke, einerseits gibt es sehr viele Leute, die keinerlei Awareness für grüne Produkte haben und insofern nicht bereit sind, auch nur einen Cent mehr dafür zu investieren. Andererseits aber wächst die Gruppe derer, die erkennen, dass es Sinn macht auf Bio umzustellen, was sich beispielsweise momentan vor allem im Bereich der Lebensmittel ganz klar abzeichnet. Hier empfinden es die Menschen als zunehmend wichtig, mit gutem Gewissen zu konsumieren – nicht zuletzt ihrer Gesundheit zuliebe.
Aus meiner Sicht ist das Gerede um die Preise eine leidige Diskussion, weil man als Konsument ja frei entscheiden kann, wofür man sein Geld ausgibt. Oft hängt es nicht vom Preis ab, sondern von der Begehrlichkeit beziehungsweise dem Wunsch, etwas besitzen zu wollen. Oder von der Tagesform, der Stimmung in der man sich gerade befindet. Konsum ist einfach extrem emotional gesteuert. Entscheidend ist außerdem, wie man denkt, ob man reflektiert oder stumpf konsumiert. Denn wenn man sich mit Mode und ihren Herstellungsprozessen auseinander setzt, erfährt man ja automatisch sehr viel über die dunklen Seiten der Industrie, was einen vielleicht wiederum dazu bewegt, sein Konsumverhalten zu überdenken. (Zitat) Im besten Fall sieht die Konsequenz so aus, dass man automatisch weniger spontan zu günstigen Wegwerfartikeln greift. Oder kurz gesagt: Weniger besser konsumieren.

 

Wie sehen Sie die Zukunft von Green Fashion?

Ich denke, es wird auf eine andere Gewichtung hinauslaufen. Dadurch dass die Standards in der Mode generell strenger werden und die Erwartungen der Konsumenten an die Qualität von Bekleidung steigt, wird sich der Anteil von grüner Mode insgesamt erhöhen. Kriterien die im Moment noch als grün gelten, werden teilweise irgendwann allgemeingültiger Standard sein. Die Einfuhrbestimmungen der EU was Schadstoffe anbelangt, werden beispielsweise sukzessive strenger. Oder die Produktionsbedingungen in den Herstellerländern werden perspektivisch noch stärker kontrolliert werden. Insofern wird es eine Angleichung der Segmente geben. Parallel dazu wird sich aber auch die grüne Mode als solche sukzessive weiter entwickeln. Der verhältnismäßig kleine Bereich entwickelt sich schneller und flexibler. Ich denke, es wird immer große Unterschiede zwischen den grün Grünen geben und denen, die grün sein werden müssen, weil sie beispielsweise durch Gesetze dazu gezwungen werden. Aber bekanntlich sind Gesetzgebungen immer langsamer als innovative wirtschaftliche Entwicklungen.

 

Wie stehen Sie dazu dass mehr und mehr vertikal aufgestellte Marken aktuell mit Nachhaltigkeitskonzepten werben – kann man derartigen Strategien überhaupt Glauben schenken?

Mein Wunsch ist es, dass der Markt sich grundsätzlich wandelt, dazu gehören natürlich auch die Großen. Denn wenn vertikale Massenmarken Öko-Baumwolle einsetzen, wirkt sich das natürlich positiv auf den Rohstoff-Absatz der Bauern am anderen Ende der Welt aus, denn der Bedarf der Masse ist enorm.
Nehmen wir das Beispiel H&M. Ich begrüße es natürlich, wenn die eine Conscious-Kollektion lancieren, auch wenn die meisten Teile nur zu 30 Prozent aus Bio-Baumwolle bestehen – aber immerhin, das ist besser als nichts. Gleichzeitig ist es wichtig, zu kommunizieren, dass dies zwar definitiv ein Schritt in die richtige Richtung ist, aber dass dieser natürlich noch nicht das Ende der Fahnenstange sein kann. Andererseits gäbe es momentan für Unternehmen dieser Größenordnung rein faktisch gar nicht die Kapazitäten, ihre Produktion komplett von heute auf morgen auf Bio umzustellen. So viel ökologische Baumwolle wird weltweit überhaupt nicht angebaut. Dann würden andere Abnehmer leer ausgehen und das wiederum wäre sozial schlichtweg eine Katastrophe.

 

Können Sie etwas zum Status Quo aktuell verfügbarer ökologischer Ressourcen sagen?

Grundsätzliches Problem: Es gibt zu viele Menschen und zu wenig Resourcen auf unserer Erde. Das heißt, ein Großteil der verfügbaren Anbauflächen wird für die Generierung von Lebensmitteln gebraucht, denn die Grundversorgung der Menschen steht immer an erster Stelle. Der relativ aufwändige Anbau von Baumwolle wiederum ‚klaut’ Saatflächen für Lebensmittel – in manchen Gegenden unseres Planeten wohlgemerkt. Hinzu kommt, dass die Ressourcen – ganz gleich ob für Nahrungsmittel oder Bekleidung – generell immer knapper werden, das heißt, die Menschheit wird sich perspektivisch in allem einschränken müssen, das wird gar nicht anders gehen. Ein Schlüsselthema in diesem Kontext markiert Recycling, ein Prinzip, dem ich großes Potenzial zuspreche. Je höher die Produktionskosten auch aufgrund immer knapperer Rohstoffe werden, umso interessanter wird es für Unternehmen, Produkte wieder zu verwerten. Das beste Beispiel dafür ist das zu hundert Prozent kreislauffähige System Cradle to Cradle®, welches Trigema nun meines Wissens nach erstmalig in der Mode für die Basic-Kollektion Trigema Change aufgegriffen hat. Auf sehr lange Sicht betrachtet halte ich Cradle to Cradle® für das einzig sinnvolle Konzept und Modell, das eine lebenswerte Zukunft auf dieser Erde gewährleisten könnte.

 

Aus allesplastik.de  Texte zur Mode  von Silke Bücker

 

Zurück